Detail - Zukunftsblick

Der wichtige Faktor Zeit

05. April 2019

Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf kennt die Entwicklungsprozesse in vielen deutschen Diözesen. Er lehrt Pastoraltheologie an der KatHO NRW in Paderborn.

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf über Großpfarreien und Pastorale Räume im Bistum Essen und im Erzbistum Paderborn

Monsignore Dr. Wilhelm Tolksdorf ist Professor für Pastoraltheologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (KatHO NRW) in Paderborn. Von 2005 bis 2010 war er Dezernent im Bischöflichen Generalvikariat Essen und unmittelbar in die Bildung der Großpfarreien im Bistum Essen involviert. Wir haben mit ihm über den Entwicklungsprozess im Ruhrbistum gesprochen und ihn gleichzeitig gebeten, einen Blick auf die Entwicklung der Pastoralen Räume im Erzbistum Paderborn zu werfen.

Als ehemaliger Seelsorgeamtsleiter im Bistum Essen waren Sie unmittelbar in die dortige Bildung von Großpfarreien involviert. Können Sie den Essener Weg näher beschreiben?

Prof. Tolksdorf: Zunächst hatte es schon in den 90er Jahren unter dem damaligen Bischof Luthe erste Gemeindefusionen gegeben. 2005 kam dann Bischof Dr. Felix Genn, der bald auf Probleme stieß, die eine postindustrielle Region wie das Ruhrgebiet auszeichnen: hohe Fluktuation der Bevölkerung, Ausdünnung des seelsorglichen Personals, verringerte Zahl priesterlicher Berufungen, enorme Finanzschwäche. Er ordnete an, das Bistum innerhalb von drei Jahren neu zu strukturieren. Aus den damaligen 260 Pfarreien wurden 43 Großpfarreien. Sie umfassen jeweils zehn bis zwölf Gemeinden, die den ehemaligen Pfarreien entsprechen. Die Großpfarreien werden vom Pfarrer geleitet und gelenkt, die Gemeinden innerhalb der Großpfarreien bekamen einen "Pastor". Die Pastöre der Gemeinden arbeiten unter der Leitung des Pfarrers der Gemeinde. Es wurde auch sehr bald entschieden, das Seelsorgepersonal für Aufgaben einzusetzen, die auf Pfarreieben zu organisieren sind: zum Beispiel Jugendpastoral oder Caritas. Das brachte es mit sich, dass die Mitarbeiter, auch die Ehrenamtlichen, mit einer hohen Eigenständigkeit agieren dürfen und sollen. Seit 2013 sind die Pfarreien des Ruhrbistums im PEP - im Pfarrentwicklungsprozess. Die Pfarreien sind vom Bischof eingeladen, vor Ort über die künftige Gestalt und Struktur, über Inhalte und Themen der Pfarreiseelsorge nachzudenken und zu entscheiden. Dieser Prozess wird intensiv vom Bistum begleitet. Dazu werden Pilotprojekte in der Seelsorge ermöglicht und gefördert.

Wie haben die Gläubigen darauf reagiert?

Prof. Tolksdorf: Natürlich gab es in den großen Phasen der Neustrukturierung Verlustängste. Das ist so bei allen Reformprozessen, in die ich hineinschauen konnte. Menschen hängen an Gebäuden, an Menschen wie z.B. Priesterpersönlichkeiten, an Einrichtungen wie der Gemeinde. Sie identifizieren sich damit und bauen damit ihre Biografie. Wenn es Gemeinden nicht mehr gibt, fällt ein Stück der Biografie weg. Was bei dem radikalen Prozess in Essen das Problem war, kann man mit einem Gedanken umschreiben: Wir hatten damals nicht die notwendige Zeit. Gerade in einer Region wie im Ruhrgebiet wäre viel Trauerarbeit notwendig gewesen. Die Menschen dort haben sich immer wieder verabschieden müssen - von der Industrie, von Stadtgrenzen, immer gab es Abbrüche, Aufbrüche, Umbrüche. Und dann fängt die Kirche auch noch damit an... Ich kann nur empfehlen, diesen Aspekt nicht zu vernachlässigen: mit den Menschen zu reden, über ihre Verlustängste, ihre Trauer. Bietet ihnen die Möglichkeit, würdig Abschied zu nehmen.

Wo liegen die Unterschiede zum Weg, den das Erzbistum Paderborn mit seinen "Pastoralen Räumen" beschritten hat?

Prof. Tolksdorf: Das Erzbistum Paderborn hatte einen Riesen-Vorteil: Man konnte sich Zeit nehmen. Es ist wirklich ein Glück und eine Chance, in Ruhe die notwendigen Schritte zu gehen, Dinge auszuprobieren und allmählich in neue Seelsorgeformen hineinzuwachsen. Ich glaube, das ist das A und O. Und natürlich sieht die Zukunft im Erzbistum schon allein deshalb ganz anders aus, weil es eine andere Struktur hat als das Stadtbistum Essen. Es liegen sehr unterschiedliche Regionen beieinander, vom Ruhrgebiet bis in die ländlichen Gebiete Ostwestfalens. Da kann man nicht die eine Lösung aus dem Hut zaubern. Man muss immer fragen, was der jeweiligen Region guttut.

Aus Ihrer Forschung mit Pastoralkonzepten der deutschen Diözesen: Gibt es ein "Paderborner" Charakteristikum?

Prof. Tolksdorf: Für mich ist der Berufungsgedanke ein Charakteristikum im Zukunftsbild des Erzbistums. Er wird so entfaltet, dass er eine große Weite sichert. Zunächst einmal kennt das Zukunftsbild verschiedene Formen der Berufung: eine Berufung ins Menschsein, ins Christsein und in die konkrete Sendung - das bringt Charismen und Fähigkeiten ganz neuer Art ins Spiel und gibt den Pastoralen Räumen sehr viel Spielraum zur Gestaltung zum Wohl der Menschen. Zugleich stellt das Zukunftsbild diesem weiten Feld der Berufung das sakramentale Amt des Priesters an die Seite. Es beschreibt damit ein behutsames Zueinander von Amt und Charisma, von amtlichem Priestertum und den Möglichkeiten von Mitwirkung aller Gläubigen. Das halte ich für einen klugen und behutsamen Weg.

Wenn Sie generell auf die Situation der Bistümer in Deutschland blicken: Welche Herausforderungen sehen Sie?

Prof. Tolksdorf: Eine großer Herausforderung sehe ich in den gegenwärtigen gesellschaftliche Strömungen: Wir können nicht sagen, wohin unsere Gesellschaft gerade unterwegs ist. Was sicher auch ein Problem ist: die sinkende Zahl der Priesterberufungen. Da wächst in mir die Sorge, wie die Zukunft der Feier der Eucharistie aussieht: Wie "eucharistiefähig" sind unsere Gemeinden in Zukunft noch? Und welche Wege können wir gehen, wenn die am Priester ausgerichtete Pfarrgemeinde nicht mehr möglich ist? Da müsste man heute schon dran arbeiten. Wichtig ist es auch, haupt- und ehrenamtliche Kräfte, die in der Seelsorge tätig sind, immer neu fortzubilden und zu schulen, so, wie es die Veränderungen in unserer Gesellschaft notwendig machen.

Und welche Chancen sehen Sie?

Prof. Tolksdorf: Eine Chance sehe ich zum Beispiel beim Blick auf junge Menschen. Diese suchen eine neue Verbindlichkeit, die wir ihnen bieten können. Zumindest dann, wenn wir die Schätze, die uns zur Verfügung stehen, kompetent und in hoher Qualität anbieten, zum Beispiel durch eine stilvolle Pflege der Liturgie. Ich glaube auch, dass die Gemeinde noch eine starke Zukunft hat. Für mich ist der Pfarrsaal ein wunderbares Bild dafür, dass die Gemeinde - auch wenn sie heute eine andere Form und Gestalt hat als noch vor 40, 50 Jahren - ein ganz besonderer Ort ist, an dem unterschiedliche Milieus der Gesellschaft zusammenkommen. Hier lernt der eine vom anderen. Hier lernt Kirche, wie Gott in der Welt wirkt. Die Gemeinde als Ort von Gemeinschaft: Diese Art der Begegnung braucht es in einer Zeit, in der es viele Singles gibt und viele Menschen einsam sind. Da haben wir ein großes Potential und auch eine große Verantwortung, der wir uns aber stellen müssen.

Lesen Sie morgen: Fanpastoral am Dortmunder Borsigplatz

Bisher erschien im Themenspezial Pastorale Räume:


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