Detail - Zukunftsblick

Ein ruhe.pol im Winterberger Skizirkus

04. April 2019

Für Jörg Willerscheidt (links) und Pfarrer Norbert Lipinski zählt die Tourismus-Seeslorge mit dem ruhe.pol fest zu den Angeboten des Pastoralen Raums Winterberg.

Claudia Philipp und Aron Sommer aus Winterberg nutzten das Angebot, im Winterberger Ski-Zirkus kurz zur Ruhe zu kommen.

In der zu Ende gegangenen Skisaison war Tourismus-Seelsorger Jörg Willerscheidt mit dem umgebauten Lieferwagen "ruhe.pol" unterwegs.

Winterberg, an einem Winterwochenende. Das Wetter ist grau und diesig, aber das stört die vielen Tagestouristen nicht. Der Ort im Sauerland ist tief verschneit, die Lifte laufen. Wie viele Wintersportler der Skizirkus auch ohne strahlenden Sonnenschein anzieht, merkt man schon auf der Bundesstraße 480: Bis Niedersfeld reicht der Stau zurück. 40 Minuten für die letzten 5 Kilometer, so verkündet es der Verkehrsfunk.

"Heute zu einem der Lifte zu fahren macht keinen Sinn", so Jörg Willerscheidt, Gemeindereferent und Tourismus-Seelsorger. "Es ist brechend voll auf den Pisten, und wir würden mit unserem Fahrzeug gleich mehrere Parkplätze belegen. Das sorgt schnell für Unmut." Seit gut einem Jahr ist er im Pastoralen Raum Winterberg mit dem ruhe.pol, einem umgebauten weißen Lieferwagen unterwegs. Das Ziel dieses Angebots: Eine fünfminütige Auszeit vom Urlaubs- und Freizeitstress zu schenken. Ruhesuchende nehmen im Inneren Platz, können Kopfhörer aufsetzen und verschiedene Musikstücke oder Naturgeräusche auswählen. Über iPads sind außerdem spirituelle und meditative Impulse abrufbar.

Wegen des enormen Andrangs auf den Skipisten steht Willerscheidt nun auf dem Marktplatz, wo der ruhe.pol schon ein gewohnter Anblick für die Winterberger ist. Pfarrer Norbert Lipinski, Leiter der Pastoralen Raums Winterberg, schaut kurz vorbei und bringt seinem Mitarbeiter eine Kleinigkeit zum Essen mit. "Ich bin froh über dieses Projekt", sagt er. "Wir sind im Erzbistum der einzige Pastorale Raum mit dieser Ausrichtung." Auch Tourismus-Direktor Michael Beckmann zählt zu den Besuchern und nutzt das Treffen für einen kurzen Austausch. "Wir sind eng mit Stadt und Tourismus vernetzt", so Willerscheidt. Vierteljährlich gebe es ein Treffen zwischen ihm und Michael Beckmann, von der engen Kooperation profitierten beide Seiten.

"Eine unserer wichtigsten Fragen ist, wie wir auf die Menschen zugehen", beschreibt Jörg Willerscheidt die zentrale Herausforderung eines Tourismus-Seelsorgers. "Sind wir einfach nur da? Oder sprechen wir die Menschen direkt an? Das ist immer eine intuitive Entscheidung." Eine Erfolgsgarantie gibt es dabei nicht: "Manchmal gehen wir frustriert nach Hause, weil es gar keine Nachfrage oder nur Ablehnung unseres Angebots gab", stellt er fest. "Und dann gibt es wieder richtig gute Gespräche. Viele sind auch überrascht, wenn sie hören, dass dieses Angebot von der katholischen Kirche kommt."

 Auf dem Marktplatz in Winterberg nimmt eine Passantin die Einladung der Tourismus-Seelsorge an und steigt in den ruhe.pol. Ihr Fazit: "Ich war schon entspannt. Und ich habe mir beim Zuhören die Frage gestellt: Was ist eigentlich wichtig? In den Sozialen Medien wird so viel Unwichtiges erzählt, zum Beispiel, was ich gerade esse. Aber darum geht es ja gar nicht."

Junge Menschen seien besonders durch das Angebot ansprechbar, erzählt Jörg Willerscheidt. Schmunzelnd erinnert er sich an eine Gruppe leicht angetrunkener junger Leute. Zuerst hätten sie den ruhe.pol belächelt, doch dann habe einer nach dem anderen die fünfminütige Auszeit ausprobiert. Ähnlich sind die Erfahrungen an Winterberger Schulen, wo der ruhe.pol künftig auch als Instrument der Schulseelsorge eingesetzt wird. "Daran sieht man, dass auch der Pastorale Raum von dem Angebot profitiert, und nicht nur die Touristen."

Jörg Willerscheidt ist mit 50 % seines Beschäftigungsumfangs in der Tourismusseelsorge eingesetzt. Das ist auch notwendig, schließlich zieht der Ort im Sauerland ganzjährig viele Besucher an. "Im Sommer wird der ruhe.pol sogar besser angenommen", so das Fazit von Willerscheidt nach dem ersten Jahr. "Es ist wärmer, die Leute nehmen sich dann länger Zeit." Standort des ruhe.pols seien in der Sommersaison beliebte Wanderwege gewesen, neben der spirituellen Auszeit habe man die Wanderer auch mit einem Kaffee versorgt. Apropos Wandern: Vom 3. bis 8. Juli 2019 sind Winterberg und Schmallenberg Gastgeber des Deutschen Wandertages. Auch dann ist der ruhe.pol als mobiles Angebot im Einsatz, um müde Wanderer zum Beispiel mit einer "Fußwaschung" zu verwöhnen.

Lesen Sie morgen: Der wichtige Faktor Zeit - Ein Gespräch mit Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf über Großpfarreien und Pastorale Räume im Bistum Essen und im Erzbistum Paderborn

Bisher erschien im Themenspecial "Pastorale Räume":

Info:

Dass Gemeindereferentinnen , Gemeindereferenten oder Geistliche mit einem bestimmten Prozentsatz ihres Beschäftigungsumfangs für "besondere Initiativen" wie Tourismusseelsorge eingesetzt werden können, geht auf den "Personaleinsatzplan 2024" (Kirchliches Amtsblatt 1/2016, Nr.2) zurück. Unter "Einsatzoptionen" (Absatz 6) wird festgehalten, dass ein Viertel des pastoralen Personals nicht im Einsatzplan erfasst ist und deshalb flexibel besonderen Initiativen in Pastoralen Räumen zugeordnet werden kann. Grundsätzlich kann jeder Pastorale Raum auf diesem Weg eine halbe bis eine ganze Stelle über den Einsatzplan 2024 hinaus erhalten.

Voraussetzung dafür ist das Vorliegen einer Pastoralvereinbarung, die beschreibt, wie die im Zukunftsbild genannten vier Handlungsfelder im Pastoralen Raum umgesetzt werden sollen. Entwickelt sich aus einem Handlungsfeld eine besondere Initiative, kann eine zusätzliche halbe bzw. ganze Stelle beantragt werden. Dieser Antrag wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hauptabteilung Pastorale Dienste sowie der Zentralabteilung Pastorales Personal geprüft.

Derzeit sind im Erzbistum Paderborn 32 Frauen und Männer auf diese Weise eingesetzt, vor allem Gemeindereferentinnen und -referenten, aber auch mehrere Geistliche. Neben der Tourismuspastoral sind zum Beispiel auch Initiativen der Citypastoral, der Ehrenamtskoordination oder der Jungen Kirchen für einen solchen Personaleinsatz denkbar.


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