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09. November 2017

Die JVA als pastoraler Ort 

Nach Abschluss meines Theologiestudiums habe ich 3 Monate auf einer Fazenda da Esperanca in Brasilien mit den Drogenabhängigen zusammen gearbeitet, gelebt und gebetet. Dort habe ich selber die Erfahrung der Abhängigkeit von meinen Mitmenschen gemacht.

Nach Abschluss meines Theologiestudiums habe ich 3 Monate auf einer Fazenda da Esperanca in Brasilien mit den Drogenabhängigen zusammen gearbeitet, gelebt und gebetet. Dort habe ich selber die Erfahrung der Abhängigkeit von meinen Mitmenschen gemacht: davon, dass sie mir ihre Kultur und ihre Sprache erklärt haben; davon, dass ich nicht selber entscheiden konnte, welche Arbeit ich erledigen durfte; davon, dass ich nur zweimal im Monat nach Deutschland telefonieren konnte. In diesem Erleben war es für mich ungemein wichtig, dass ich Mitmenschen gefunden habe, denen ich aus meinem Herzen erzählen konnte, die mir zugehört haben und mich bei allen schönen, aber auch schlechten Erfahrungen begleitet haben. Im Gefängnis erleben die Inhaftierten ähnliche Erfahrungen: Sie unterliegen der fast totalen Abhängigkeit von den Entscheidungsgremien der Anstalt, vom Strafvollzugsgesetz und von den alltäglichen Entscheidungen der Bediensteten – das Gefangensein schränkt eben die Entscheidungsbefugnis ein, sodass die Gefangenen nur noch sehr wenig über sich selbst bestimmen können. 

Wenn ich an meine Zeit in Brasilien zurückdenke, so hilft es mir die Inhaftierten in ihrer Situation nachzuempfinden und ihre Freude und ihre Hoffnung, ihre Angst und ihre Trauer zu verstehen. Ich verstehe meine wichtigste Aufgabe darin, ihnen einen Ort zu bieten, in dem sie sich mit ihren Themen und ihren Problemen öffnen können, wo sie von sich erzählen können und ein offenes Ohr finden können, ohne die Angst haben zu müssen, bewertet oder verurteilt zu werden. Die Begleitung, sei es in persönlichen Gesprächen oder in Gottesdiensten, steht für mich an zentraler Stelle, die als Raum dienen kann und soll, in dem die Menschen im Gefängnis einfach nur Zuwendung erfahren und dabei sich und Gott begegnen können. Dabei verstehe ich die Institution JVA ganz im Sinne des Zukunftsbildes als einen pastoralen Ort, an dem Gott immer schon zugegen ist und erfahren werden will. 

Als Gefängnisseelsorger – nicht Gefangenenseelsorger – bin ich selbstverständlich offen für die Fragen aller Personen in einer Justizvollzugsanstalt, also für Inhaftierte, Bedienstete und auch Angehörige. Bei den Bediensteten ist es so, dass im wahrsten Sinne des Wortes die Gespräche zwischen Tür und Angel Momente sind, in denen diese von sich und ihrem Leben erzählen und auch manchmal nur ihre akuten Sorgen jemanden mitteilen wollen. Bei den Inhaftierten ist es so, dass diese mit den unterschiedlichsten Anliegen zu mir kommen: das geht von ganz konkreten Fragen nach einer Briefmarke oder nach einem Telefonat über ein einzelnes Gespräch, in dem jemand einfach mal sein Herz an einem geschützten Ort ausschütten will, bis zu einer kontinuierlichen Begleitung des Betroffenen, bei der die unterschiedlichsten Themen wie Schuld, Zukunft, Familie usw. zur Sprache kommen. Im Gespräch verstehe ich mich aber nicht als Ratgeber oder Problemlöser, sondern als Zuhörer und Begleiter, der den einzelnen Mensch mit seinen Themen in den Mittelpunkt stellt und ihm Zuwendung schenkt. Als Theologe im pastoralen Bereich ist es mir wichtig, den Menschen in ihrer Haft durch mein Handeln und meine Worte die heilende Nähe Gottes erfahrbar zu machen.

Mirko Wiedeking

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