Detail - Zukunftsblick

In Modellprojekten die pastorale Zukunft gestalten

02. Juni 2016

Beispiel für eine Netzwerkgrafik: Das "Netzwerk der Arbeit mit kranken Menschen in Neheim und Voßwinkel" (Grafik: ZAP, Miriam Zimmer)

Um zentrale Anliegen des Zukunftsbildes mit Leben zu füllen, hat das Erzbistum Paderborn mehrere Modellprojekte auf den Weg gebracht. Nun liegen Zwischenberichte mit ersten Erfahrungen und Erkenntnissen vor.

Um zentrale Anliegen des Zukunftsbildes mit Leben zu füllen, hat das Erzbistum Paderborn mehrere Modellprojekte auf den Weg gebracht. Diese erkunden und erproben konkrete Gestaltungsmöglichkeiten und zukunftsweisende Bedingungen in den pastoralen Räumen.

Zwei dieser Modellprojekte gingen 2014 an den Start in Zusammenarbeit mit dem "Zentrum für angewandte Pastoralforschung" in Bochum (ZAP) unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias Sellmann. Sie lauten:

  • "Taufberufung als Referenzgröße zukunftsweisender Bistumsentwicklung"
  • "Pastoraler Raum als Netzwerk - Netzwerksteuerung im Pastoralen Raum"

Nun liegen für beide Projekte Zwischenberichte mit ersten Erfahrungen und Erkenntnissen vor.

In einem Studientag am 23.06.2016 (09.30 - 16.00 Uhr, Haus Maria Immaculata, Paderborn) werden sowohl diese ersten Erkenntnisse als auch weitere Ideen zum Projektverlauf und zur Umsetzung beider Modellprojekte ausführlich vorgestellt und pastoraltheologisch vertieft.

Interessierte aus der pastoralen Praxis sind dazu herzlich eingeladen.

Anmeldung: Erzbischöfliches Generalvikariat Paderborn, Hauptabteilung Pastorale Dienste, Julia Fisching-Wirth, Tel. (0 52 51) 1 25 16 51, E-Mail julia.fischingwirth(ät)erzbistum-paderborn.de

Auch die vollständigen Zwischenberichte zu den Modellprojekten sind bei Interesse über die oben genannte Adresse erhältlich. Eine Zusammenfassung steht für alle Interessierten nachfolgend zur Verfügung.

 

"Pastoraler Raum als Netzwerk - Netzwerksteuerung im Pastoralen Raum"

Das Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn beschreibt den Pastoralen Raum als Netzwerk und damit als "Geflecht" verschiedener Menschen und Gruppen. Sie bringen ihre Begabungen in den Pastoralen Raum ein, stehen dabei miteinander in Beziehung und verleihen so dem gesamten Raum ein lebendiges und tragendes Gerüst. Das Modellprojekt untersucht, wie im Pastoralen Raum tatsächlich ein funktionierendes Netzwerk entsteht und welche Konsequenzen das für die Seelsorge hat.

Den Ausgangspunkt bildeten folgende Fragestellungen:

· Wie kann ein Pastoraler Raum als Netzwerk gestaltet und moderiert werden?

· Wie kann Engagement der Menschen in den Sozialräumen gefördert werden?

· Wie kann der Raum zum "Ermöglichungsraum" werden für die vielfältigen Gaben und Begabungen der Menschen?

· Wie können pastorale Themen über Netzwerkaktivierungen bewegt und bearbeitet werden?

· Wie verändert sich das Handeln eines Pastoralteams in einer Netzwerkstruktur?

In einem ersten Schritt wurde im Pastoralen Raum St. Johannes Baptist Neheim und Voßwinkel beispielhaft ein dort vorhandenes Netzwerk zur Arbeit mit kranken Menschen erforscht. Miriam Zimmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZAP, führte vor Ort insgesamt 19 Interviews und erfasste ca. 70 Akteure. Eine Grafik veranschaulicht, dass durch diese 70 Akteure insgesamt 200 Netzwerkknoten entstehen. Der soziale Raum bildet hierbei den natürlichen pastoralen Rahmen für das vielfältige Engagement der Menschen, Gruppen und Organisationen.

Mit wem muss man sprechen? Vernetzt denken macht Netzwerke möglich

Der vorliegende Zwischenbericht skizziert erste Erkenntnisse zur Netzwerkdynamik, die auf dieser Grundlage nun möglich waren. Es wird zum Beispiel anschaulich, wie neue Kooperationspartner in den Blick geraten, wenn man konsequent in Netzwerken denkt. Man konzentriert sich nicht mehr nur auf den kirchlichen "Binnenbereich", sondern öffnet sich auf den ganzen Sozialraum hin, der vielfältige Kooperationsmöglichkeiten bereithält.

Im Zwischenbericht werden Merkmale eines Netzwerkes benannt, die über die üblichen pfarrgemeindlichen Denk- und Handlungsmuster hinausweisen. Zum Beispiel leben Netzwerke über eine Vielzahl von Zentren und Knotenpunkten mit jeweils eigenen Ausprägungen, auch bei den Formen des Engagements. Die sozialen Beziehungen können dabei unterschiedlich stark oder schwach sein.

Eine Zentrale macht im Netzwerk keinen Sinn - im Netzwerk gibt es viele Zentren

Eine Steuerung des Pastoralen Raums über Netzwerke funktioniert nur dann, wenn Pastoral nicht mehr nur von einer "Zentrale" ausgeht, von der aus Hauptamtliche "flächendeckend" alle versorgen wollen. "Ein Netzwerk hat viele Zentren", so der Zwischenbericht. Aufgabe der Hauptamtlichen sei es daher, den Pastoralen Raum so zu steuern und zu "modellieren", dass sich vielfältige Formen des Engagements in eigenständigen Zellen und Knotenpunkten ereignen können. Um die Pastoral in diese Richtung zu verändern, sei eine radikale Wende notwendig: "Die Rollen, die Routinen, die wechselseitigen Erwartungen, auch die amtstheologischen und ekklesiologischen Denkgewohnheiten werden und müssen sich wandeln." Es ist die Wende von einem priester- und versorgungszentrierten Bild zu einem offen gedachten Bild von Kirche, die als Volk Gottes in vielfältiger Weise Trägerin der Seelsorge ist und mit dieser offenen Energie auf die Menschen und ihre Lebenssituationen hin wirken will. Hier muss vor allem befähigt und ermöglicht und nur wenig reguliert werden.

Fördern und begleiten ist wichtiger als kontrollieren und regulieren

Pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pastoralteams und Einrichtungen benötigen bestimmte Kompetenzen, um Netzwerke und Themengestaltungen zu "modellieren". Spezifische Rollen, die Personen im Netzwerk einnehmen, Kooperationsmotive und Tätigkeitsmerkmale werden auf dieser ersten Erhebungsgrundlage beschreibbar.

Der Bericht liefert auch spannende Erkenntnisse zum in Neheim erforschten Thema "Arbeit mit kranken Menschen". Welches Verständnis von Krankheit dominiert in diesem Netzwerk, und welche Bilder und Rollen prägen dieses pastorale und soziale Engagement?

Im weiteren Projektverlauf sollen die bisherigen Erkenntnisse durch eine weitere Erhebung in einem anderen Pastoralen Raum überprüft, abgesichert und ergänzt werden. Darüber hinaus gilt es nun, Werkzeuge, Methoden und praxistaugliche Umsetzungen für die Bildung von Netzwerken zu erproben, die dann anderen pastoralen Räumen und Akteuren in den unterschiedlichen Feldern zu Verfügung gestellt werden.

Zum Projekt Netzwerk gibt es auch einen Bericht des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP) in Bochum:

http://www.zap-bochum.de/content/ZAP-Studie-Netzwerk-I.pdf

 

"Taufberufung als Referenzgröße zukunftsweisender Bistumsentwicklung"

Ein großer Titel, der diesem Modellprojekt im Rahmen des Zukunftsbildes gegeben wurde.

In der Anlage 1 zum Zukunftsbild unter Kapitel 2.3 c findet sich folgender Projektauftrag: "Die Pastoral der Berufung setzt auf die Taufberufung entlang persönlicher Berufungsgeschichten und auf die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung verschiedenster Charismen und Gaben. Wie die Taufberufung als Grundmotiv für religiöses und pastorales Handeln angenommen werden kann, wird in einem weiteren Modellprojekt untersucht."

Seit knapp zwei Jahren nun beschäftigt sich eine Gruppe von Pastoralarbeiterinnen und -arbeitern mit diesem Projektauftrag, begleitet und unterstützt durch das Zentrum für angewandte Pastoralforschung (ZAP) in Bochum.

Hat ehrenamtliches Engagement etwas mit dem persönlichen Glauben zu tun?

Die Annahme, die der Arbeit der Projektgruppe zugrunde liegt, ist die, dass es in einem Pastoralen Raum vielfältige Motive und Formen des persönlichen Engagements gibt. Diese, so die Annahme, werden aber bei vielen Menschen - auch bei getauften Christen - häufig nicht im Zusammenhang gesehen mit dem Glaubens- und Gemeindeleben des Einzelnen und der Kirche. Um für diese Annahme Belege oder aber Gegenargumente zu finden, erkundete die Projektgruppe das Thema Taufberufung entlang von persönlichen "Berufungsgeschichten". Leitend waren hierbei u.a. die Frage nach einer Relevanz des Glaubens im Alltag getaufter Menschen, die Frage nach der Verknüpfung von Lebenseinstellungen und Alltagshandeln mit einem persönlichen Glaubensmotiv oder auch die Frage nach Themen mit Blick auf Erfahrungen von Ermutigung, Unterstützung oder Vernetzung.

In einer Erhebungsphase wurden 11 leitfragengestützte Interviews durchgeführt. Eine durch das ZAP beauftragte Soziologin suchte in enger Abstimmung mit der Projektgruppe des Erzbistums Menschen zum Interview auf, um das Thema Taufberufung entlang von persönlichen "Berufungsgeschichten" zu erkunden. Bei den Interviewten handelte es sich um Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, aus unterschiedlichen sozialen Milieus, in unterschiedlichem Umfang ehrenamtlich engagiert. Um ein möglichst breites Spektrum von Glaubensvorstellungen und möglicherweise damit verknüpftem Alltagshandeln abzubilden, wurden neben katholisch sozialisierten Personen auch Menschen befragt, die einen freikirchlichen oder muslimischen Hintergrund bzw. keinen Bezug zur Kirche und/oder Religion haben.

Diese Phase wurde im Herbst 2015 abgeschlossen. Die qualitativen Interviews wurden ausgewertet und haben spannende und herausfordernde Ergebnisse und Erkenntnisse zu Tage gefördert.

Taufberufung - was ist das?

Eine bedeutsame Erkenntnis lautet, dass der Begriff "Taufberufung" von den meisten Interviewten als äußerst sperriger Begriff bewertet wurde. Zugänge sowohl zum Begriff der "Berufung" wie auch zur Idee, die eigene Taufe als eine "Berufung zu etwas" zu verstehen, fallen schwer. Ein Zusammenhang zwischen eigener Lebens- und Glaubenspraxis wird durch die Interviewten kaum hergestellt.

Die Begriffe "Berufung" und "Taufe" werden als "Kirchensprache" von den Interviewten nicht aufgegriffen und haben für die eigene Lebensgestaltung kaum Bedeutung. Selbst die Interviewpartner mit religiöser, kirchlicher und gemeindlicher Prägung machen hier keine Ausnahme und nehmen selbst kaum geistliche Deutungen von eigenem (Lebens- und Alltags-) Erfahrungen vor - so eine weitere Erkenntnis der Interviews.

Nichtsdestotrotz lässt sich durch die Auswertung der Gespräche nachweisen, dass es bei den meisten der Interviewten aufgrund früherer religiöser Sozialisierungsgeschichten sehr wohl Anknüpfungspunkte für religiöse Deutungen gibt. Durch die Ermutigung auf das eigene Leben zurückzuschauen bietet sich hier die Möglichkeit, persönliche Beweggründe und den Antrieb für das eigene Engagement zu reflektieren. In diesem Erzählraum kann Bewusstwerdung des eigenen Lebens im Hinblick auf Biografie, Berufung und das eigene Menschsein gelingen.

Begriffe allein bleiben abstrakt - Engagement und Erleben der Menschen werden durch Deutung zu einer Glaubenserfahrung

Im Umgang mit Begrifflichkeiten und im Versuch, neue Zugänge zum Berufungsverständnis der Menschen zu entwickeln scheint es an der Zeit, Abschied zu nehmen von vermeintlich begrifflichen Selbstverständlichkeiten. Zum anderen wird es notwendig sein, das christliche Deutungsangebot in der Welt von heute zu leben und es in Kontakt zu bringen mit einer Lebens-, Alltags- und Deutekompetenz der Menschen selbst.

Zudem zeigen sich hier Verbindungslinien hin zu anderen großen Themen der Bistumsentwicklung wie z.B. der Frage nach ehrenamtlichem Engagement.

Im weiteren Projektverlauf wird es um die Herausforderungen für die pastorale Praxis gehen, die sich aus den formulierten Erkenntnissen ergeben: weitere Durchdringung des Berufungsbegriffs, Überprüfung und Weiterentwicklung von kirchlicher und religiöser Sprache und Deutung, Entwicklung und Einführung von Einsatzinstrumenten und Methoden zur Potenzialförderung für Gemeinden, Verbände, pastoraler Orte.


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