Detail - Zukunftsblick

"Distanz geht nicht!"

13. Juli 2015

(V.l.) Irmgard Beule, Resi Albers, Rosi Meier, Annika Metz, Ulla Beckmann und Doris Gördes sind täglich für Flüchtlinge in Bödefeld und Bad Fredeburg im Einsatz.

In ländlichen Gebieten wie dem Schmallenberger Land sind Flüchtlinge in besonderer Weise auf Hilfe angewiesen. Diese leisten vor allem Frauen aus den Caritaskonferenzen.

Bad Fredeburg/Bödefeld. Bödefeld im Schmallenberger Land hat 1.000 Einwohner und beherbergt derzeit 50 Flüchtlinge in einem ehemaligen Hotel, im benachbarten Bad Fredeburg mit 4.000 Einwohnern leben etwa 80 Flüchtlinge in einem Wohnheim. Unterstützt werden sie von einem Netzwerk aus Ehrenamtlichen, vor allem aber von Frauen aus den Caritaskonferenzen der beiden Orte. "Bei uns im ländlichen Raum hat dieses Engagement seine Besonderheiten", sagt Resi Albers aus Bödefeld. "Hier kennt jeder jeden, und man bekommt die Schicksale der Menschen, die jetzt bei uns leben, hautnah mit."

Es sind natürlich schwere Schicksale, die die zumeist jungen Männer aus Südosteuropa, Syrien, Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan, Somalia, Nigeria, Eritrea, Myanmar, Tibet und der Mongolei erlebt haben. Viele haben in ihrem Heimatland Gewalt erfahren und eine mehrjährige Flucht hinter sich. Da gibt es zum Beispiel einen jungen Mann, der sich zwei Jahre lang von Wasser und Blättern ernähren musste, um zu überleben. Es gibt zwei koptische Christen aus Ägypten, die in ihrer Heimat wegen ihres Glaubens angegriffen wurden und deren Asylverfahren sich lange hinzieht, weil Ägypten als "sicheres" Land gilt. Es gibt eine junge Frau aus Südosteuropa, die aus Furcht vor Blutrache nach Deutschland floh und nun die Abschiebung fürchtet, weil ihr Land als "sicherer Drittstaat" gilt. Und es gibt den jungen Eritreer, der fernab der Heimat vom Tod seiner beiden Eltern erfahren musste. Andere flohen vor dem Terror des Islamischen Staates, der Taliban in Afghanistan oder der Gruppe Boko Haram in Nigeria.

Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sind für diese Menschen zunächst oft die einzigen Kontakte. "Wir begrüßen sie, wenn sie ankommen, schauen, ob sie mit allem Notwendigen versorgt sind, zeigen ihnen die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort", beschreibt Ulla Beckmann aus Bödefeld. Dort wurde im Montanus-Haus neben der Kirche inzwischen ein Lagerraum mit Kleidung, Haushaltsgegenständen und weiterem Material für die Flüchtlinge eingerichtet. "Im Winter war dies besonders notwendig", erinnert sich Resi Albers. "Es fiel Schnee, und die jungen Männer aus Afrika hatten nur leichte Flipflops als Schuhe dabei. Da mussten wir uns erst einmal um Winterschuhe kümmern..."

Doch bei dieser "Grundversorgung" bleibt es nicht. Da es in Bödefeld keine Ärzte, Ämter oder größere Geschäfte gibt, fahren die Helferinnen und Helfer die Menschen aus der Flüchtlingsunterkunft quasi täglich in die größeren Orte der Nachbarschaft. Kinder werden in die Schule begleitet, damit sie sich dort zurecht finden. In Bad Fredeburg kümmert sich zudem ein pensionierter Lehrer auch während des Unterrichts um die Flüchtlingskinder. Ebenfalls in Bad Fredeburg werden Alphabetisierungs- und Sprachkurse organisiert, einmal im Monat lädt ein "Café International" Fredeburger und Flüchtlinge zum gegenseitigen Kennenlernen ein.

Auch der Schriftverkehr der Flüchtlinge wird von den ehrenamtlich tätigen Frauen gelesen und bearbeitet. Manchmal geht es dabei um relativ harmlose Angelegenheiten wie Handyverträge. "Schwieriger wird es schon, wenn man den Leuten, die medizinische Versorgung benötigen, so komplizierte Dinge wie eine 'Narkoseeinverständniserklärung' erklären muss", so Annika Metz aus Bad Fredeburg. Und dann gibt es jene Briefe des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die Hiobsbotschaften enthalten und den Flüchtlingen mitteilen, dass sie Deutschland verlassen sollen. Derzeit droht vier jungen Männern, die in Bödefeld untergekommen sind, dieses Schicksal.

"Nach dem so genannten Dubliner Verfahren ist es so, dass sich jenes Land, das einen Flüchtling zuerst aufnimmt, um die Überprüfung seines Asylverfahren zu kümmern hat", erklärt Ulla Beckmann. "Entsprechend werden Flüchtlinge vom Bundesamt aufgefordert, in jenes Land, in dem sie registriert sind, zurückzukehren." Das Schlimme sei jedoch, dass manche Flüchtlinge auch in EU-Ländern wie Ungarn oder Kroatien Gewalterfahrungen gemacht haben. "Sie wurden mit Schlägen und Stromstößen dazu gezwungen, sich zu registrieren, also ihre Fingerabdrücke zu hinterlassen. Auf diese Weise können diese Länder EU-Gelder kassieren, sie kümmern sich jedoch nicht weiter um die Flüchtlinge, sondern schicken sie ohne Versorgung einfach weg."

Für die Frauen aus Bödefeld und Bad Fredeburg ist es eine schlimme Vorstellung, dass jene Menschen, die sie täglich sehen und denen sie inzwischen die eigentliche Familie ersetzen, in diese Länder zurück müssen, in denen vermutlich Armut und Obdachlosigkeit auf sie warten würde. "Dass einigen unserer Flüchtlinge die Abschiebung droht, verfolgt uns bis in den Schlaf hinein", gesteht Resi Albers. "Es ist einfach nicht möglich, Distanz zu wahren. Kontakte, menschliche Nähe sind für diese Menschen, die ja ganz allein sind, wichtiger als jene Dinge, die man mit Geld regeln kann."

Vor wenigen Wochen nahmen die Frauen der Caritaskonferenzen Bad Fredeburg und Bödefeld für ihr großes Engagement den "Integrationspreis 2015" entgegen, der von der Bürgerstiftung und dem Lions-Förderverein Schmallenberg ausgeschrieben wurde. Die größte Belohnung wäre für sie allerdings, wenn die von Abschiebung bedrohten Flüchtlinge bleiben könnten.

 


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